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8. November 2022

Die rote oder die blaue Pille?

Lesezeit ca. 4 Minuten

Das falsche Dilemma

Im Film Matrix gibt es diese Szene: Neo, der Held, kommt in einen Raum und Morpheus, zu dem Zeitpunkt noch ein vollkommen Unbekannter und später sein Mentor, stellt ihn vor die Wahl: willst du die rote Pille oder die blaue? Leben wie bisher oder eben die große Einsicht in die wahre Funktionsweise der Welt?

Wir werden öfters vor solche Wahlmöglichkeiten gestellt: Plastik oder Papier? Pepsi oder Cola? Wirtschaft oder Klima? 100 jetzt oder 200 später? Kind oder Karriere? Sowieso, jetzt oder nie? Mit uns oder gegen uns?

Ständig stehen wir vor zwei Optionen und sollen uns entscheiden. Muss das eigentlich so sein?

Um was es geht

Ein Dilemma oder eine Zwickmühle besteht dann, wenn es bei einer Entscheidung genau zwei Optionen gibt, die beide unangenehme Folgen nach sich ziehen. Entweder weil beide negativ sind oder eben weil beide so gut sind, dass man eben doch auf etwas verzichten müsste, wenn man sich auf eine festlegt.

Diese Wahl mit genau zwei Möglichkeiten begegnet uns zwar sehr häufig: selten stellt sie die Wirklichkeit in ihrer Komplexität richtig dar. Statt allen möglichen Optionen werden genau zwei angeboten. Diese fälschliche Reduktion auf genau zwei Möglichkeiten wird als „falsches Dilemma“ bezeichnet.

In der Informatik macht das Sinn zwischen 0 oder 1, wahr oder falsch zu unterscheiden. Strom fließt oder eben nicht. Die Optionen Pepsi oder Cola ziehen allerdings nicht in Betracht, dass es auch Community-Cola, Fritz-Cola und sogar Wasser als Trinkoptionen gibt. Neben Wein oder Bier vergisst mancher auch die alkoholfreien Alternativen auf der Party und Ja oder Nein sind in den seltensten Fällen die tatsächliche Vielzahl an Optionen und Möglichkeiten.

Neben den Wahlmöglichkeiten werden auch die Kriterien: also die relevanten Eigenschaften und Wirkungen hinter den Optionen außer Acht gelassen. Welches Ziel verfolgt zum Beispiel diese Entscheidung? Geht es darum, Durst zu stillen? Oder ein wenig Koffein nachzutanken? Soll es Energie liefern für jemanden, der mit Diabetes unterzuckert ist? Oder wollen Sie die eigene Produktpalette möglichst gut und häufig platzieren?

Mehr noch: durch die Reduktion und Gegenüberstellung von genau zwei Lösungen werden auch radikale Positionen verstärkt und Kompromisse sowie Alternativen unmöglich gemacht. Wenn man bei einer Verhandlung nur gewinnen kann, wenn der andere verliert, ist ein diplomatisches Vorankommen nicht möglich. Wenn ich nur eins haben kann, bleibt immer die Unzufriedenheit – oder eben eine Abwertung des anderen.

Manchmal ist es sinnvoll, die Myriaden an Optionen der Welt auf zwei zu reduzieren. So werden wir wieder handlungsfähig. Und gleichzeitig sehen wir eben nur einen kleinen Teil der bunten Wirklichkeit und treffen falsche Entscheidungen.

Warum das wichtig ist

Falsche Dilemmata leben davon, dass wir Entscheidungen zwischen zwei Optionen einfach gewohnt sind. Werden uns zwei Optionen präsentiert, wählen wir eben und denken nicht mehr groß nach. Die Tatsache, dass weder alle Optionen auf dem Tisch, noch unsere Kriterien vollkommen klar sind, kann natürlich genutzt werden.

  • Optionen definieren: statt Kund:innen oder Chef:innen vor die Entscheidung zu stellen, ein Produkt zu kaufen oder eben es nicht zu kaufen: geben Sie Varianten des gleichen Produkts an. Wollen sie die Plastik- oder die Papiertüte? Kaufen wir die Software A oder die Software B? Das Einzel-Paket oder die Monatsflat? Durch das Vorgeben der Entscheidungsoptionen nehmen Sie schon vorab die Entscheidung ab, ob überhaupt eine Anschaffung getätigt wird. Eine Variante dazu habe ich neulich im Coffee-Shop gesehen: „Stimmen Sie ab: Whatsapp oder Telegram?“ Darunter zwei Trinkgeldgläser. (Bedenken Sie dabei aber bitte die 5+-2.)
  • Was sind die Konsequenzen? Es ist meistens hilfreich, sich die Folgen einer Entscheidung klarzumachen, sowohl Vor- als auch Nachteile zu sehen und auch neue Optionen in den Raum zu bringen. Matthias Varga von Kibed und Insa Sparrer nutzen dafür das Tetralemma (hier eine etwas ausführlichere Beschreibung). Sieht man sich vor einem Dilemma (oder einfach der Entscheidung zwischen zwei Optionen) geht man (am besten in Form einer Aufstellung im Raum mit professioneller Begleitung) folgende fünf Schritte durch:
    • Was ist, wenn ich das eine wähle?
    • Was ist, wenn ich das andere wähle?
    • Kann ich beides gleichzeitig wählen?
    • Was ist, wenn ich keins davon wähle?
    • Und was könnte es noch ganz anderes als Option geben?

Unterm Strich

Im Internet gibt es eine Menge Anspielungen, die die Wahlmöglichkeiten von Neo als falsches Dilemma erkennen. In einem Sketch nimmt er beide Pillen, andere erklären, dass Kinder doch bitte nichts Süßes von Fremden nehmen sollten. Ihnen fällt sicher auch noch eine weitere Option ein. Und vielleicht kommen wir so auch bei den großen Dilemmata unserer Welt ein Stückchen weiter.


Chief Behavioral Officer gesucht

Wo werden Sie in Ihrem Alltag in Dilemmata gestürzt? Sind wirklich alle Optionen auf dem Tisch? Welche neuen Optionen könnten Sie ergänzen? Oder auf welche zwei könnten Sie eine Entscheidung sinnvoll reduzieren? Und was ist an den Konsequenzen der Entscheidung überhaupt relevant?

hello world!
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Amadeus Pachmann

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