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22. November 2022

Fast die richtige Entscheidung

Lesezeit ca. 4 Minuten

Entscheidungsreue

Eine wichtige Entscheidung steht an.
Eigentlich solltest du..... aber was ist, wenn du diese Entscheidung später bereust?

Um was es geht

Ja, wir neigen nicht nur dazu, schlechte Entscheidungen zu bereuen, sondern auch dazu, die Reue vorwegzunehmen und uns durch die Aussicht auf mögliche Reue und auf Tadel von außen in unserer Entscheidungsfreudigkeit lähmen zu lassen, oder einen vermeintlich sicheren Weg einzuschlagen.
Dieser vermeintlich sichere Weg beschützt uns nicht wirklich vor falschen Entscheidungen, wohl aber minimiert er die Reue.

Warum das wichtig ist

  • In deinem Lieblingsrestaurant bestellst du meistens die Nummer 17.
    Das Gericht ist lecker. Die Entscheidung ist so gut wie sicher.
    Stell dir vor, du lädst Gäste ein, empfiehlst Nr. 17, aber heute ist die Nr. 17 versalzen.
    Stell dir jetzt vor, du wärest ein Wagnis eingegangen und hättest dieses Mal das für dich neue Gericht Nr. 21 gewählt und deine Gäste hätten es ebenfalls bestellt.
    Heute ist die Nr. 21 versalzen.Etliche Studien belegen, dass wir viel mehr Reue empfinden, wenn unsere Entscheidung ungewöhnlich war. Bei der Nummer 17 würdest du es eher als Pech empfinden, das einzige versalzene Essen des Jahres bekommen zu haben, bei der Wagnis Entscheidung würdest du dir vermutlich Vorwürfe machen, selbst dann, wenn alle Vernunft sagt, dass du nichts dafür kannst.
  • Ein Mann fliegt jeden Dienstag mit dem 7:00 Uhr Flieger nach London.
    Diese Woche gab es einen Todesfall in der Familie und er fliegt erst am Mittwoch.
    Das Mittwoch-Flugzeug stürzt ab.
    Das ist viel schockierender als das Schicksal des Mannes, der im selben Flugzeug saß, aber immer die Mittwochsmaschine nimmt.
    Der Erste saß im „falschen“ Flugzeug. Das ist eine besondere Zeitungsnachricht wert, weil es besonders erschütternd ist, obwohl das traurige Ergebnis für beide Menschen genau gleich ist.
  • Und schließlich noch ein Beispiel aus der Rechtsprechung:
    Ein Mann kauft fast immer in demselben Laden in der Nachbarschaft seine Lebensmittel ein.
    Heute hat dieser Laden geschlossen und der Mann geht in den anderen Laden, eine Straße weiter. Dort wird er in einen Überfall verwickelt und angeschossen.
    Die Frage, die sich eine Gruppe von Psychologen stellte, lautete:
    „Würde das Opfer vor Gericht eine andere Summe an Schadensersatz erhalten, wenn er in seinem normalen Laden angeschossen worden wäre?“
    Es wurde der Versuch mit zwei Gruppen von "Geschworenen" gemacht, die jeweils eines der Szenarien (normaler Laden oder anormaler Laden) vorgelegt bekamen und eine angemessene Summe festlegen sollten.
    Die Antwort ist spannend:
    Teilt man den Geschworenen nur die Geschichte mit dem anormalen Laden mit, die ich oben erzählt habe, ist die Schadensersatzsumme deutlich höher, als wenn man ihnen nur die Geschichte mit dem normalen Laden erzählt.
    Bittet man sie direkt, beide Szenarien zu bedenken, gibt es keinen Unterschied in der Summe, weil niemand vernünftigerweise sagen würde, dass der Ort der Schießerei einen Einfluss auf die zugesprochene Summe haben sollte.

Unterm Strich

Wir bereuen unsere falschen Entscheidungen viel mehr, wenn wir fast die richtige Entscheidung getroffen hätten.
Wir bemerken nicht, nach welchen Regeln unser Gehirn die möglichen Entscheidungen gewichtet.
(Es gibt noch mehr solcher unbemerkten „Regeln“ zur Gewichtung von Erwartungen und zur Entscheidungsfindung, die manchmal schlimme Fehlentscheidungen verursachen.)
Der Psychologe und Nobelpreisträger für Wirtschaftsökonomie Daniel Kahnemann hat diese in seinem Buch „Schnelles Denken, Langsames Denken“ beschrieben.

Sein persönlicher Ausweg aus dem Reue – Problem:
Vermeide es, f a s t die richtige Entscheidung zu treffen!
Dazu denke entweder sehr gründlich über deine Entscheidung nach und überprüfe deine Annahmen auf die typischen Denkfehler, wie er sie in seinem Buch beschreibt. Beziehe auch deine mögliche Reue in deine Überlegungen mit ein.
Entscheide dich bewusst für das Risiko, dass du eingehst, wenn du eine unkonventionelle Entscheidung erwägst.
Oder triff deine Entscheidung spontan und denke nicht lange darüber nach.

„Hinterher ist man immer schlauer“, das wissen wir alle. Was wir oft nicht bemerken:
Hinterher können wir uns meistens gar nicht mehr vorstellen, wie wir vorher gedacht hatten.
Die meisten Menschen, die ihre Meinung zu einem Thema aufgrund von neuen Informationen ändern, können sich danach nur schwer oder gar nicht mehr daran erinnern, dass sie vor der neuen Information die gegenteilige Meinung vertreten hatten.
Wenn du also das Ergebnis deiner Entscheidung kennst, hast du eine neue Information, die du vorher noch nicht hattest.

Deshalb mach dir nichts draus.
Wenn du eine Entscheidung triffst, ist das immer die beste Entscheidung, die du in der Situation mit den dir zur Verfügung stehenden Informationen treffen kannst.
Die Informationen, die dir dabei zur Verfügung stehen, sind nicht alle die Informationen, die du „hast“. Du kannst nur diejenigen Informationen benutzen, die dir jetzt gerade bei der Entscheidungsfindung in den Sinn kommen.
Hinterher fallen dir vielleicht noch weitere Informationen ein, an die du bei deiner Entscheidung nicht gedacht hattest, die du aber eigentlich wusstest. Eine weitere Quelle für Reuegefühle.
Auch dieser Fehler lässt sich, wenn nicht vermeiden, so doch wenigstens bei wirklich großen und wichtigen Entscheidungen deutlich eindämmen.

Außerdem kann eine hundert prozentig richtige Entscheidung nur getroffen werden, wenn wirklich alle relevanten Informationen erstens vorliegen und dir zweitens auch im richtigen Moment in den Sinn kommen.
Das ist die WYSIATI Regel: What you see is all there is.
Was dir nicht in den Sinn kommt, ist für dein Gehirn, für deine Entscheidung, nicht da.

Im richtigen Leben haben wir meistens nur wenige Informationen und müssen mit denen arbeiten, die wir haben.
Zudem können wir die statistischen Wahrscheinlichkeiten, mit denen ein Ergebnis eintritt, nur selten so genau berechnen wie zum Beispiel bei einer Lotterie.
Wir sind darauf angewiesen, zu schätzen.
Auch und gerade dabei passieren uns jede Menge typische Fehler. Vor manchen kann man sich mit viel Disziplin schützen.
Jedenfalls ist es tröstlich zu sehen, dass sogar Professoren für Statistik immer wieder selbst auf diese typischen Fehler hereinfallen, obwohl sie ihre Schüler den richtigen Umgang mit statistischen Schätzungen lehren, aber das ist eine andere Geschichte.


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Lita Hagen

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